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Drawdown verstehen – warum der Weg zur Rendite nie gerade verläuft

  • tradekon
  • 30. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Jan.

Skulptur mit einem nach oben und einem nach unten gerichteten Pfeil in einem Wald, dargestellt in kontrastierenden Farben.


Kaum ein Begriff wird im Trading so häufig erwähnt und gleichzeitig so selten wirklich verstanden wie der Drawdown. Viele Trader wissen, dass es ihn gibt, sie rechnen irgendwie mit ihm – und sind dennoch jedes Mal überrascht, wenn er eintritt. Nicht selten wird ein Drawdown dann als Zeichen gewertet, dass „etwas nicht stimmt“: mit der Strategie, mit dem Markt oder mit der eigenen Fähigkeit zu handeln.


Dabei ist ein Drawdown kein Ausnahmezustand. Er ist der Normalfall. Wer das nicht akzeptiert, setzt sich unweigerlich unter Druck – und trifft genau in diesen Phasen oft die schlechtesten Entscheidungen.



Was ein Drawdown wirklich ist – und was nicht


Ein Drawdown beschreibt den Rückgang des Kontostands vom letzten Hoch bis zum folgenden Tief. Entscheidend ist dabei: Es handelt sich nicht um einen einzelnen Verlust, sondern um eine Phase. Diese Phase kann wenige Tage dauern oder sich über Wochen und Monate ziehen.


Wichtig ist die klare Abgrenzung:

Ein Drawdown ist kein Beweis für Inkompetenz. Er ist auch kein Hinweis darauf, dass eine Strategie „plötzlich nicht mehr funktioniert“. In den meisten Fällen ist er schlicht die statistische Konsequenz eines Handelssystems mit positivem Erwartungswert.


Gerade Trader, die sich intensiv mit Renditezielen beschäftigen, unterschätzen diesen Punkt. Wer monatlich stabile Ergebnisse erwartet, blendet aus, dass Gewinne nicht gleichmäßig verteilt auftreten. Dieses Spannungsfeld wurde bereits in unserem Artikel zur realistischen Rendite im Trading thematisiert. Rendite entsteht nicht linear – und genau deshalb entstehen Drawdowns.



Warum Drawdowns psychologisch so belastend sind


Objektiv betrachtet ist ein Drawdown eine Zahl. Subjektiv fühlt er sich völlig anders an. Je länger eine Verlustphase dauert, desto stärker beginnt sie, das Selbstbild des Traders zu beeinflussen. Zweifel schleichen sich ein. Entscheidungen werden hinterfragt, oft rückwirkend und emotional.


Ein zentraler Grund dafür ist, dass Drawdowns selten klar begrenzt sind. Niemand weiß im Voraus, wie tief oder wie lange sie ausfallen werden. Diese Unsicherheit erzeugt Stress – selbst dann, wenn das Risiko pro Trade sauber definiert ist.


Hier zeigt sich, wie eng Risikomanagement und Psychologie miteinander verknüpft sind. Ein sauber kalkulierter Drawdown ist rechnerisch tragbar, mental aber oft schwer auszuhalten. Genau in diesem Spannungsfeld entstehen Regelbrüche, Überanpassungen oder hektische Strategiewechsel.



Drawdown ist nicht gleich Drawdown


Nicht jeder Drawdown ist gleich zu bewerten. Es macht einen erheblichen Unterschied, warum er entsteht.


Ein systembedingter Drawdown ist Teil des Plans. Er entsteht, obwohl Regeln eingehalten werden, Setups sauber umgesetzt werden und das Risiko konstant bleibt. Solche Phasen sind unangenehm, aber nicht gefährlich – solange sie im erwarteten Rahmen liegen.


Problematisch werden Drawdowns, die durch Verhaltensänderungen entstehen. Typische Auslöser sind Ungeduld, Overtrading oder der Versuch, Verluste schnell „zurückzuholen“. In diesen Fällen ist der Drawdown nicht mehr Folge des Systems, sondern des Umgangs mit ihm.


Unser Beitrag über das Overtrading zeigt genau diesen Mechanismus. Aktivität wird dann zur Kompensation genutzt – mit meist gegenteiligem Effekt.



Warum viele Trader Drawdowns falsch planen


Viele Trader beschäftigen sich intensiv mit Einstiegen, Setups und Instrumenten – aber kaum mit der Frage, wie sich ihr Konto zwischenzeitlich entwickeln darf. Drawdowns werden oft erst dann thematisiert, wenn sie bereits laufen.


Ein realistisches Risikomanagement berücksichtigt jedoch nicht nur das Risiko pro Trade, sondern auch die mögliche Abfolge mehrerer Verluste. Wer beispielsweise pro Trade ein Prozent riskiert, sollte sich bewusst machen, dass zehn oder mehr Verlusttrades in Folge statistisch möglich sind – selbst bei funktionierenden Strategien.


Das Risiko sollte nicht isoliert betrachtet werden. Erst in Verbindung mit der eigenen mentalen Belastbarkeit ergibt sich ein tragfähiger Rahmen.



Drawdowns und falsche Erwartungshaltungen


Ein häufiger Denkfehler besteht darin, Gewinne als „normal“ und Verluste als Abweichung zu betrachten. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Schwankungen sind normal, Phasen stabiler Gewinne sind die Ausnahme.


Wer diesen Perspektivwechsel nicht vollzieht, interpretiert jeden Drawdown als Problem. Das führt zu unnötigem Druck und zu Entscheidungen, die nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst getroffen werden.


Gerade Trader, die ihren Stil noch nicht klar definiert haben, geraten hier schnell in Schwierigkeiten. Daytrading beispielsweise erzeugt andere Drawdown-Muster als längerfristige Ansätze. Wer sich darüber nicht im Klaren ist, vergleicht die eigene Entwicklung mit falschen Maßstäben – ein Punkt, der auch im Artikel zur Trading-Stil-Findung indirekt anklingt.



Warum der Weg zur Rendite nie gerade verläuft


Wer sich historische Equity-Kurven erfolgreicher Strategien anschaut, erkennt schnell: Kaum eine verläuft gleichmäßig nach oben. Stattdessen wechseln sich Phasen von Wachstum, Seitwärtsbewegung und Rückgang ab. Diese Struktur ist kein Makel – sie ist der Preis für langfristige Rendite.


Ein gerader Weg zur Rendite würde bedeuten, dass Märkte konstant gleich reagieren. Genau das tun sie nicht. Volatilität, Regimewechsel und unterschiedliche Marktphasen sorgen dafür, dass selbst robuste Ansätze zeitweise unter Druck geraten.


Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob ein Trader diese Phasen aushalten kann, ohne sein Verhalten grundlegend zu verändern. Wer Drawdowns als integralen Bestandteil akzeptiert, trifft ruhigere Entscheidungen. Wer sie bekämpft, verschärft sie oft.



Der Umgang mit Drawdowns entscheidet über Langfristigkeit


Langfristiger Erfolg im Trading hängt weniger davon ab, wie hoch die Rendite in guten Phasen ist, sondern davon, wie stabil ein Trader durch schwierige Phasen kommt. Drawdowns sind der Prüfstein dafür.


Ein professioneller Umgang bedeutet nicht, sie emotionslos hinzunehmen. Das wäre unrealistisch. Er bedeutet vielmehr, sie einzuordnen: in die eigene Strategie, in die eigene Erwartungshaltung und in den persönlichen Belastungsrahmen.


Hier schließt sich der Kreis zur Trading-Psychologie. Der Artikel zum Umgang mit Verlustphasen zeigt, dass mentale Stabilität nicht aus Verdrängung entsteht, sondern aus Klarheit.



Fazit


Drawdowns lassen sich nicht vermeiden – und das sollten sie auch nicht. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern die Kehrseite jeder realistischen Renditeerwartung. Wer versucht, sie auszumerzen, entfernt oft genau den Mechanismus, der langfristige Gewinne ermöglicht.


Der entscheidende Punkt ist nicht, ob ein Drawdown eintritt, sondern wie er eingeplant, akzeptiert und durchstanden wird. Ein realistisches Risikomanagement, eine passende Erwartungshaltung und psychologische Stabilität sind dabei untrennbar miteinander verbunden.


Wer Drawdowns versteht, hört auf, sie zu bekämpfen – und beginnt, mit ihnen zu arbeiten. Genau dort beginnt nachhaltiges Trading.




 

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