top of page

Gewinnphasen richtig einordnen – warum Erfolg mental gefährlich sein kann

  • tradekon
  • 23. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
Eine Hand platziert einen Holzklotz auf einer stufenförmig aufgebauten Struktur aus Holzblöcken.


Verlustphasen gelten im Trading als größte psychische Belastung. Sie erzeugen Zweifel, Frustration und Unsicherheit. Entsprechend viel Aufmerksamkeit erhalten sie – in Büchern, Coachings und Artikeln. Deutlich seltener wird über das Gegenteil gesprochen: über Gewinnphasen. Dabei sind es oft gerade Phasen mit guten Ergebnissen, die langfristig problematisch werden können. Nicht, weil Gewinne etwas Negatives wären, sondern weil sie das eigene Denken subtil verändern. Erfolg fühlt sich bestätigt an. Und genau darin liegt die Gefahr.



Wenn Erfolg die Wahrnehmung verzerrt


Gewinnphasen wirken im ersten Moment stabilisierend. Das Konto wächst, das Selbstvertrauen steigt, Zweifel treten in den Hintergrund. Viele Trader empfinden diese Phasen als Beweis dafür, dass sie „auf dem richtigen Weg“ sind. Genau hier beginnt jedoch eine schleichende Verschiebung. Erfolg wird selten nüchtern analysiert. Stattdessen entsteht häufig eine rückwirkende Erklärung: Gute Ergebnisse werden der eigenen Fähigkeit zugeschrieben, schlechte Phasen zuvor eher äußeren Umständen.

Dieser sogenannte Attributionsfehler ist menschlich – im Trading jedoch riskant.


Ein zentrales Problem liegt darin, dass Märkte kurzfristig auch zufällige Serien produzieren können. Selbst einfache oder unvollständige Ansätze können über Wochen oder Monate funktionieren. Wer in dieser Zeit nicht sauber zwischen Können, Strategie und Marktphase unterscheidet, zieht falsche Schlüsse.


Typische Veränderungen während längerer Gewinnphasen sind:

  • steigende Trade-Frequenz

  • geringere Vorbereitung

  • höhere Positionsgrößen

  • größere Toleranz gegenüber Regelabweichungen


Diese Anpassungen wirken oft harmlos. Sie fühlen sich logisch an, weil das Ergebnis stimmt. Tatsächlich entfernen sie den Trader jedoch Schritt für Schritt von seiner ursprünglichen Struktur.


Gerade in erfolgreichen Phasen steigt bei vielen Tradern unbemerkt die Anzahl der Trades – nicht aus Frust, sondern aus Selbstsicherheit. Dieses Muster spielt bei Overtrading eine zentrale Rolle.


Ein weiteres Problem: Erfolg senkt die Wachsamkeit. Fehler bleiben folgenlos, weil der Markt sie aktuell nicht bestraft. Dadurch fehlt das Korrektiv, das sonst zur Anpassung zwingt. Regeln werden nicht bewusst gebrochen, sondern langsam aufgeweicht.



Warum gute Phasen oft schlecht vorbereitet beenden


Gewinnphasen enden selten abrupt, sondern allmählich. Die Marktbedingungen ändern sich, die Volatilität verschiebt sich oder der eigene Ansatz verliert an Wirkung. Wer in dieser Phase mental „zu weit vorne“ ist, erkennt diese Übergänge oft zu spät.


Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Nach Erfolgsphasen wirken Verluste emotional schwerer. Nicht wegen ihrer Höhe, sondern wegen des Kontrasts. Das Selbstbild gerät unter Druck. Entscheidungen werden schneller emotional aufgeladen, als es in neutralen Phasen der Fall wäre.


Viele Trader reagieren darauf mit Anpassungen, die kurzfristig beruhigen, langfristig jedoch schaden: geringere Disziplin, impulsive Gegenreaktionen oder das Festhalten an einer Phase, die objektiv vorbei ist. Dieser Mechanismus ähnelt dem, was in Verlustphasen geschieht – nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Deshalb lässt sich psychologische Stabilität nicht nur daran messen, wie jemand mit Rückschlägen umgeht, sondern auch daran, wie er Erfolg einordnet.



Nüchterne Einordnung als Schutzmechanismus


Erfolg im Trading sollte nicht gefeiert, sondern eingeordnet werden. Das bedeutet nicht, Gewinne kleinzureden oder Freude zu unterdrücken. Es bedeutet, Ergebnisse konsequent in Relation zu setzen: zur Marktphase, zur Stichprobengröße und zur eigenen Regelkonsequenz.


Hilfreiche Fragen nach Gewinnphasen sind weniger „Wie gut war ich?“ als vielmehr:

  • Habe ich meine Regeln eingehalten?

  • Sind die Gewinne reproduzierbar oder situativ?

  • Welche Fehler wären in einer anderen Marktphase relevant geworden?


Wer diese Fragen regelmäßig stellt, reduziert die Gefahr, Erfolg mit Sicherheit zu verwechseln. Gerade langfristig ist diese Unterscheidung entscheidend.


Auch der Umgang mit Zielen spielt hier eine Rolle. Besonders feste Renditeerwartungen verstärken den inneren Druck, erfolgreiche Phasen fortzuschreiben – auch dann, wenn sich die Rahmenbedingungen bereits verändert haben.



Fazit


Gewinnphasen sind kein Beweis für Kontrolle, sondern Phasen mit erhöhtem Risiko für Fehleinschätzungen. Sie verleiten zu Überoptimismus, schwächen die Regelbindung und verschieben die Wahrnehmung von Risiko.


Psychische Stabilität im Trading zeigt sich nicht nur im Umgang mit Verlusten, sondern ebenso darin, Erfolg nüchtern einzuordnen. Wer Gewinne nicht überbewertet, schützt sich vor den Fehlern, die häufig erst nach guten Phasen entstehen.

Langfristig sind es nicht die Verluste, die Trading-Karrieren beenden – sondern die falschen Schlüsse aus Erfolg.




 

bottom of page