Chance-Risiko-Verhältnis im Trading: CRV berechnen und richtig einordnen
Aktualisiert: 3. Sept.

Das Chance-Risiko-Verhältnis gehört zu den grundlegenden Kennzahlen im Trading. Es stellt den möglichen Gewinn eines Trades dem geplanten Verlust gegenüber und soll dabei helfen einzuschätzen, ob Chance und Risiko in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.
Ein einfaches Beispiel: Liegt der Stop-Loss 30 Punkte vom Einstieg entfernt und das geplante Kursziel 60 Punkte entfernt, ergibt sich ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2:1. Der mögliche Gewinn ist damit doppelt so groß wie der geplante Verlust bis zum Stop.
Auf den ersten Blick könnte man daraus ableiten, dass ein möglichst hohes CRV grundsätzlich besser ist. Genau hier entsteht jedoch häufig ein Missverständnis. Ein weit entferntes Gewinnziel verbessert zwar rechnerisch das Verhältnis, wird möglicherweise aber deutlich seltener erreicht. Umgekehrt kann eine Strategie auch mit einem niedrigeren CRV funktionieren, wenn ihre Trefferquote entsprechend höher ist.
Das Chance-Risiko-Verhältnis sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist, wie Stop-Loss und Kursziel zustande kommen, wie häufig die jeweiligen Ziele tatsächlich erreicht werden und welcher Erwartungswert sich daraus langfristig ergibt.
In diesem Beitrag zeigen wir, wie sich das Chance-Risiko-Verhältnis berechnen lässt, wie CRV und Trefferquote zusammenhängen und warum ein attraktives Verhältnis allein noch keinen guten Trade ausmacht.
Wie wird das Chance-Risiko-Verhältnis berechnet?
Das Chance-Risiko-Verhältnis beschreibt das Verhältnis zwischen dem möglichen Gewinn eines Trades und dem geplanten Verlust bis zum Stop-Loss.
Vereinfacht lässt es sich so berechnen:
CRV = mögliche Gewinnstrecke ÷ mögliche Verluststrecke
Angenommen, ein Trader eröffnet eine Long-Position bei 24.000 Punkten. Der Stop-Loss liegt bei 23.970 Punkten, das geplante Kursziel bei 24.060 Punkten.
Die Verluststrecke beträgt damit:
24.000 – 23.970 = 30 Punkte
Die mögliche Gewinnstrecke beträgt:
24.060 – 24.000 = 60 Punkte
Daraus ergibt sich:
60 ÷ 30 = 2
Das Chance-Risiko-Verhältnis beträgt also 2:1. Der mögliche Gewinn bis zum Kursziel ist doppelt so groß wie der geplante Verlust bis zum Stop-Loss.
Dasselbe Prinzip lässt sich auch in Euro ausdrücken. Werden bei Erreichen des Stops beispielsweise 100 Euro verloren und beim Erreichen des Kursziels 200 Euro gewonnen, entspricht das ebenfalls einem CRV von 2:1. Bei einem CRV von 1:1 sind möglicher Gewinn und geplanter Verlust gleich groß, bei 3:1 beträgt die mögliche Gewinnseite das Dreifache des Risikos. Wichtig ist dabei, dass das CRV zunächst nur das rechnerische Verhältnis zwischen Stop-Loss und Gewinnziel beschreibt. Es sagt noch nichts darüber aus, wie wahrscheinlich das Kursziel erreicht wird oder ob der Trade langfristig einen positiven Erwartungswert besitzt.
Wie ein sinnvoller Stop-Loss festgelegt wird, erklären wir ausführlicher in unserem Beitrag über den Stop-Loss im Trading.
Warum ein höheres CRV nicht automatisch besser ist
Ein hohes Chance-Risiko-Verhältnis wirkt zunächst attraktiv. Wer beispielsweise 30 Punkte riskiert und ein Kursziel 120 Punkte vom Einstieg entfernt setzt, kommt rechnerisch auf ein CRV von 4:1. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dieser Trade besser ist als ein Setup mit einem CRV von 2:1. Der Grund ist einfach: Je weiter ein Gewinnziel vom Einstieg entfernt liegt, desto mehr Kursbewegung ist notwendig, damit es tatsächlich erreicht wird. Ein sehr weit entferntes Ziel kann deshalb zwar das rechnerische CRV verbessern, gleichzeitig aber deutlich seltener erreicht werden.
Problematisch wird es insbesondere dann, wenn Stop-Loss oder Kursziel nur deshalb verändert werden, damit auf dem Papier ein bestimmtes Verhältnis entsteht. Ein Stop sollte nicht künstlich enger gesetzt werden, nur um aus einem CRV von 1,5:1 beispielsweise 3:1 zu machen. Ebenso wenig sollte ein realistisches Kursziel weiter nach außen verschoben werden, nur weil ein höheres CRV attraktiver aussieht.
Angenommen, aus der Handelsidee ergibt sich ein sinnvoller Stop 30 Punkte unterhalb des Einstiegs und ein realistischer Zielbereich 60 Punkte darüber. Dann beträgt das CRV 2:1. Wird das Kursziel allein für ein rechnerisch schöneres Verhältnis auf 120 Punkte verschoben, entsteht zwar ein CRV von 4:1 – die Qualität der ursprünglichen Handelsidee hat sich dadurch aber nicht verbessert.
Das Chance-Risiko-Verhältnis sollte deshalb eher als Ergebnis aus Einstieg, fachlich begründetem Stop-Loss und realistischem Kursziel betrachtet werden. Anschließend kann es als Kriterium dienen, um zu entscheiden, ob ein Trade zur eigenen Strategie passt. Stop und Kursziel sollten dagegen nicht allein deshalb verändert werden, um ein vorher gewünschtes CRV zu erreichen.
Trefferquote und CRV gehören zusammen
Das Chance-Risiko-Verhältnis lässt sich nicht sinnvoll beurteilen, ohne gleichzeitig die Trefferquote einer Strategie zu betrachten. Entscheidend ist nicht, wie attraktiv ein einzelner Trade auf dem Papier aussieht, sondern wie häufig Gewinne und Verluste über eine größere Zahl vergleichbarer Trades auftreten.
Vereinfacht lässt sich das gut an einigen Beispielen zeigen. Bei einem CRV von 1:1 sind durchschnittlicher Gewinn und durchschnittlicher Verlust gleich groß. Ohne Handelskosten müsste eine Strategie deshalb mehr als etwa 50 Prozent ihrer Trades gewinnen, um langfristig profitabel zu sein. Bei einem CRV von 2:1 sieht es anders aus. Ein Gewinntrade gleicht hier zwei gleich große Verlusttrades aus. Rein rechnerisch reicht deshalb bereits eine Trefferquote von etwas mehr als 33 Prozent, um einen positiven Erwartungswert zu erreichen. Bei einem CRV von 3:1 liegt die theoretische Break-even-Trefferquote bei 25 Prozent.
Umgekehrt kann auch ein CRV unter 1 funktionieren. Bei einem CRV von 0,8:1 ist der durchschnittliche Gewinn kleiner als der durchschnittliche Verlust. Die Strategie benötigt dafür eine entsprechend höhere Trefferquote: Ohne Kosten liegt die theoretische Break-even-Trefferquote bei ungefähr 55,6 Prozent.
Diese Werte sind allerdings nur vereinfachte Rechenbeispiele. In der Praxis kommen Handelskosten, Slippage und vor allem die tatsächlich realisierten Gewinne und Verluste hinzu. Ein ursprünglich geplantes CRV von 2:1 bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die durchschnittlichen Gewinntrades später tatsächlich doppelt so groß ausfallen wie die durchschnittlichen Verlusttrades. Genau deshalb ist es sinnvoll, die eigenen Trades über einen längeren Zeitraum systematisch zu erfassen, beispielsweise in einem Trading-Journal. Erst anhand einer ausreichend großen Zahl vergleichbarer Trades lässt sich erkennen, welche Trefferquote tatsächlich erreicht wird, wie hoch durchschnittliche Gewinne und Verluste ausfallen und wie stark die realisierten Ergebnisse von den ursprünglich geplanten Werten abweichen.
Entscheidend ist letztlich das Zusammenspiel aus Trefferquote, durchschnittlichem Gewinn und durchschnittlichem Verlust. Genau daraus ergibt sich der Erwartungswert einer Handelsstrategie. Ein hohes CRV kann eine niedrigere Trefferquote ausgleichen, während eine hohe Trefferquote auch mit einem niedrigeren CRV funktionieren kann.
Wie sich daraus der statistische Erwartungswert einer Strategie berechnen lässt, erklären wir ausführlicher in unserem Beitrag über den Erwartungswert im Trading.
Was ist ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis?
Ein allgemein „gutes“ Chance-Risiko-Verhältnis gibt es nicht. Häufig werden Werte wie 2:1 oder 3:1 als besonders erstrebenswert dargestellt. Ohne die Trefferquote und die tatsächlichen Ergebnisse einer Strategie zu kennen, lässt sich daraus jedoch kaum ableiten, ob ein solcher Wert tatsächlich besser ist.
Eine Strategie mit einem durchschnittlichen CRV von beispielsweise 0,8:1 kann langfristig profitabel sein, wenn sie entsprechend häufig gewinnt. Umgekehrt kann eine Strategie mit einem durchschnittlichen CRV von 3:1 Verluste produzieren, wenn profitable Trades nur sehr selten erreicht werden. Entscheidend ist deshalb nicht ein möglichst hoher Einzelwert, sondern das Zusammenspiel aus Gewinnhöhe, Verlusthöhe und Trefferquote über viele Trades.
Auch innerhalb derselben Strategie muss das CRV nicht bei jedem Setup identisch sein. Bei einem Trade kann sich aus der aktuellen Marktstruktur beispielsweise ein Verhältnis von 1,4:1 ergeben, bei einem anderen 2,3:1. Ein gutes CRV ist deshalb letztlich das Verhältnis, das zusammen mit der tatsächlichen Trefferquote und den realisierten Ergebnissen einen positiven Erwartungswert erzeugt und zur jeweiligen Handelsstrategie passt.
Welche Rolle sollte das CRV bei der Trade-Auswahl spielen?
In der Praxis sollte das Chance-Risiko-Verhältnis nicht zwangsläufig am Anfang der Trade-Planung stehen. Sinnvoller kann es sein, zunächst ein Setup nach den Regeln der eigenen Handelsstrategie zu beurteilen. Daraus ergeben sich ein möglicher Einstieg, ein fachlich begründeter Stop-Loss und ein realistischer Zielbereich beziehungsweise eine andere Ausstiegslogik. Erst aus diesen Größen entsteht das CRV des jeweiligen Trades.
Das bedeutet nicht, dass das CRV für die Trade-Auswahl unwichtig ist. Eine Strategie kann durchaus festlegen, dass nur Trades oberhalb eines bestimmten Mindestwerts eingegangen werden. Dieses Mindest-CRV sollte jedoch möglichst aus den statistischen Ergebnissen der eigenen Strategie abgeleitet werden.
Zeigt die Auswertung beispielsweise, dass Setups unterhalb eines CRV von 1,3:1 langfristig aufgrund der niedrigen Trefferquote keinen ausreichenden Erwartungswert liefern, kann dieser Wert künftig als Filter dienen.
Gerade am Anfang kann es also sinnvoll sein, nicht zu stark auf eine bestimmte CRV-Zahl fixiert zu sein. Wer zunächst sauber dokumentiert, welche Stop-Abstände, Kursziele, Trefferquoten sowie durchschnittlichen Gewinne und Verluste tatsächlich entstehen, erhält mit der Zeit eine wesentlich bessere Grundlage für seine Entscheidungen. Das CRV wird damit zu einer Kennzahl, die einen Trade beschreibt – und kann erst später, auf Basis eigener Daten, zusätzlich zu einem Auswahlkriterium werden.
Typische Fehler beim Chance-Risiko-Verhältnis
Das CRV ist eine nützliche Kennzahl, kann aber schnell zu falschen Schlussfolgerungen führen, wenn es isoliert oder zu schematisch verwendet wird.
Ein häufiger Fehler besteht darin, ein bestimmtes Verhältnis erzwingen zu wollen. Wer sich beispielsweise vorgenommen hat, nur Trades mit mindestens 2:1 zu handeln, könnte versucht sein, einen fachlich sinnvollen Stop enger zu setzen oder das Kursziel weiter nach außen zu verschieben. Rechnerisch verbessert sich dadurch zwar das CRV, die Qualität des Setups aber nicht automatisch.
Ebenso problematisch ist es, nur auf das geplante CRV zu schauen. Ein Trade kann beim Einstieg beispielsweise mit 2:1 geplant worden sein, tatsächlich aber durch Slippage und Handelskosten ein anderes Ergebnis liefern. Für die langfristige Beurteilung ist deshalb entscheidend, welche durchschnittlichen Gewinne und Verluste tatsächlich realisiert werden.
Ein weiterer Fehler besteht darin, einzelne Trades anhand ihres CRV zu bewerten. Ein Trade mit 3:1 kann verlieren, während ein Trade mit 1:1 gewinnen kann. Daraus lässt sich für sich genommen weder ableiten, dass das erste Setup schlecht noch dass das zweite gut war. Aussagekräftig wird das Verhältnis erst über eine größere Zahl vergleichbarer Trades und im Zusammenhang mit der Trefferquote.
Auch ein sehr hohes CRV sollte nicht mit einem besonders guten Trade gleichgesetzt werden. Ein theoretisches Verhältnis von 5:1 oder 10:1 klingt attraktiv, kann aber praktisch wertlos sein, wenn das Kursziel unter den Bedingungen der Strategie nur äußerst selten erreicht wird.
Das CRV sollte deshalb weder ignoriert noch zum alleinigen Entscheidungskriterium gemacht werden. Es ist eine Kennzahl innerhalb der gesamten Handelsstrategie – und wird erst zusammen mit Trefferquote, tatsächlichen Ergebnissen und einer ausreichend großen Datenbasis wirklich aussagekräftig.
Fazit
Das Chance-Risiko-Verhältnis ist eine wichtige Kennzahl im Trading, weil es den möglichen Gewinn eines Trades dem geplanten Verlust gegenüberstellt. Für sich allein sagt ein hohes oder niedriges CRV jedoch noch wenig darüber aus, ob ein Trade oder eine Strategie langfristig sinnvoll ist. Entscheidend ist vielmehr, wie das Verhältnis zustande kommt. Einstieg, Stop-Loss und realistisches Kursziel sollten sich aus der Handelsstrategie und der jeweiligen Marktsituation ergeben. Das CRV beschreibt anschließend, welches Verhältnis daraus entsteht und kann – auf Basis eigener statistischer Erfahrungen – zusätzlich als Filter für die Trade-Auswahl dienen.
Ebenso wichtig ist der Blick auf die tatsächlich realisierten Ergebnisse. Trefferquote, durchschnittliche Gewinne, durchschnittliche Verluste, Handelskosten und Slippage bestimmen gemeinsam, ob eine Strategie langfristig einen positiven Erwartungswert erreicht. Ein Trading-Journal kann dabei helfen, diese Werte über eine größere Zahl vergleichbarer Trades überhaupt erst zuverlässig sichtbar zu machen.
Das Chance-Risiko-Verhältnis sollte deshalb weder ignoriert noch überbewertet werden. Es ist ein wichtiges Werkzeug zur Einordnung eines Trades – aber erst im Zusammenspiel mit Trefferquote, Erwartungswert und den tatsächlich erzielten Ergebnissen wird daraus eine belastbare Grundlage für Entscheidungen.
Über diesen Beitrag
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